Die Geschichten der Anderen

Es ist Winter. Der Boden ist kalt. Die Luft auch. Schneeflocken werden auf meinen Wangen zu kleinen Tropfen. Der Mond hängt am Himmel wie ein einziger großer Scheinwerfer und wirft seinen Strahl auf die Szenen dieser Welt. Aufgeregt schieben sich Menschen dicht gedrängt um mich herum. Irgendwo in der Ferne zucken Lichter. In all dieser Hektik steht die Welt für einen Sekundenbruchteil still. Eine kleine Ewigkeit und die Gesichter der anderen beginnen, mir ihre Geschichten vorzutragen.

Da ist diese Mutter mit ihrem fahlen, erschöpften Blick, die ihr Kind fest an sich zieht. Sie möchte ihr Kind beschützen. Es davor bewahren, vor den kleinen und großen Grausamkeiten dieser Welt. Nichts Böses, nichts Trauriges, nichts Aufwühlendes soll in seine noch so jungen Gedanken kriechen und dann nachts, wenn alles schläft, wieder hervorkommen, um es in den Träumen zu jagen; keine kleinen dunklen Samen pflanzen und damit Ängste nähren. Dieses kleine unschuldige Wesen. Es soll sich so lange konservieren und vor der Welt schützen, um irgendwann sagen zu können: „Damals, das war eine glückliche Zeit.“ Das gleiche Kind, das daheim so viel Hässliches mit ansehen muss, von dem die Mutter glaubt, es verbergen zu können. Doch die feinen Vibrationen vergangener Ereignisse lauern nicht unter dem Bett, sondern in jeder Ecke dieses kleinen Körpers und sie müssen gar nicht schlafen gehen, sie sind immer wach, immer da.

Da ist der Student, dessen Leben erst beginnt. Voller Elan und Visionen. Der jetzt die Zeit hat, um mutig zu sein und noch verrückt genug ist, um es wirklich zu tun. Er wagt den freien Fall und denkt es sei fliegen und erkennt noch gar nicht die guten Menschen in seinem Leben, die seine Flügel sein werden. Welche Dramen im Heute ihn später zum Lachen bringen werden und das, was ihn jetzt manchmal droht aus der Bahn zu werfen, als die schönste Zeit im Leben bezeichnen wird; wenn er mit seinem Enkel spricht. Der Student, der glaubt endlich frei von einem engen System zu sein und noch nicht sieht, dass er schon längst im nächsten angekommen ist. Der das Gefühl der Endlichkeit noch nicht kennt und wie schnell es manchmal um die Ecke biegt. Und der jetzt am Anfang trotzdem so plötzlich vor einem Ende steht.

Der Banker, der den Wert des Geldes kennt, aber den des Lebens nicht bemessen kann. Und alles, was er sich wünscht, mit nichts kaufbar ist. Wie er den Schein wahrt und hinter einer Fassade aus Gold nur Schutt und Asche verbirgt. Und die einzigen festen Mauern in seinem Konstrukt von Sicherheit, die sind, die er zwischen sich und den Menschen aufgezogen hat. Er, der Mann, der Ernährer, sicher in seinem dunklen Turm, sicher vor seinen eigenen Gefühlen. Sicher vor den kleinen Engeln, die sich Träume nennen und den dunklen Dämonen, wie Wut, Angst, Trauer, die sie dann holen kommen. Und der es für einen kurzen Moment wagt, an seinem Bauplan fürs Leben zu zweifeln, wenn in seine kleine Kammer ein Scheinwerfer wie in dieser Nacht fällt.

Der Penner, der weiß wie kalt der Boden ist in solchen Nächten und in allen anderen. Wie hart das Leben ist – jeden Tag. Sein einziger Besitz, die Erinnerungen an seine verpassten Chancen vom Glück, welche sein schwerstes Päckchen zu tragen sind. Mit seinen Süchten, die ihn langsam von innen verbrennen, aber an keinem Tag wirklich wärmen. Und trotz all dieser Furchen, die ihm das Leben ins Gesicht gezeichnet hat, ein gütiges Lächeln für diese immer gehetzten, immer geplagten Menschen hat, die an ihm vorbeilaufen, weil er für sie unsichtbar ist.

Es gibt so viele von ihnen. So viele Menschen, so viele Geschichten. Alle einzigartig. Alle manchmal ein bisschen traurig und immer ein wenig bittersüß. Unser Blick eine Momentaufnahme unserer Seele. Wir entwickeln uns eben aus den Negativen, sagt man.

Es ist Winter. Der Boden unter mir ist kalt. Ich auch. Die Schneeflocken werden auf meinen Wangen zu kleinen Tropfen und vermischen sich mit meinen Tränen. Die zuckenden Lichter kommen näher. Sie dröhnen in meinen Ohren, aber ich kann sie nicht mehr hören. Der Mond wirft seinen Strahl auf die Bühne dieser Nacht. Eine Tragödie, ein Akt. Am Ende deines Lebens zieht es wie ein Film an dir vorüber. Und in ihren Gesichtern, da kannst du auch die Geschichten der anderen sehen.

© Kat_MT

 

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